Über den Kunstpavillon

Der Artist-run space im Herzen Münchens

Der Platz zeitgenössischer Kunst und für ihr aktuelles Schaffen ist hart umkämpft und oft nur vorübergehend gesichert. Umso schöner ist es, dass im Herzen der bayerischen Landeshauptstadt München, in einer der urbansten Grünanlagen der Stadt, der Kunstpavillon Künstlerinnen und Künstlern den Raum aufmacht, sich den Herausforderungen der Zukunft zu widmen.
Künstlerische Eigeninitiative war es, die aus der Kriegsruine 1950 einen Ausstellungsraum für den demokratischen Aufbruch in Bayern erschuf. Im 21. Jahrhundert versteht sich der Kunstpavillon als artist-run space, der künstlerische Debatten anzettelt und der neue Erkenntnisse oder ästhetische Verfahren der bildenden Kunst einem breiten Publikum nahebringt; auch mit Blick auf einen globalen wie intersektionalen Diskurs, aber unabhängig von immer noch gängigen Klischees über die Hoch- und die Subkultur. In unseren Ausstellungen überzeugt das Sinnliche der Kunst.
Im Alten Botanischen Garten am Münchner Stachus ist der Kunstpavillon eine gerne aufgesuchte kulturelle Quelle, ein Ort der Besinnung und der Reflexion. Für viele ist er ein südliches Entrée ins Münchner Kunstareal mit seinen Museen, Galerien und Projekträumen.

Geschichte des Kunstpavillons

Vorkriegszeit: Der Glaspalast und das Haus der Deutschen Kunst (heute Haus der Kunst)

Der Münchner Glaspalast im Alten Botanischen Garten am Stachus beherbergte seit seiner Errichtung 1854 bedeutende internationale Industrie- und Kunstausstellungen. Letztere begründeten den Ruf Münchens als Stadt der Kunst und Kultur mit. An die herausragenden Industrieausstellungen erinnert zum Beispiel auf der Westseite des Kunstpavillons der Gedenkstein an die erste Gleichstromfernübertragung durch Oskar von Miller und Marcel Depréz. 1931 brannte der Glaspalast vollständig aus, dabei wurden zahlreiche Kunstwerke der laufenden Ausstellung zerstört. Bereits ein Jahr später lobte das bayerische Kultusministerium einen Architekturwettbewerb für den Neubau eines geeigneten Ausstellungsgebäudes ähnlicher Größe aus. Mit der Ernennung des Nationalsozialisten Adolf Hitler zum Reichskanzler durch Reichspräsident Paul von Hindenburg 1933 wurden die Pläne jedoch zu Gunsten einer faschistischen Kunstpolitik aufgegeben. Der Architekt Paul Ludwig Troost erhielt den Auftrag, unter dem Arbeitstitel „Neuer Glaspalast", das „Haus der Deutschen Kunst" an dem vom Führer favorisierten Standort am Südrand des Englischen Gartens zu planen (eingeweiht 1937). Im Alten Botanischen Gartens entstand in seiner östlichen Hälfte 1936 als Ersatz des Glaspalastes eine Achse aus einem viertürigen „kleinen Ausstellungsgebäude“ zur Präsentation nationalsozialistischer Architekturmodelle und dem sogenannten Neptunbrunnen (Architekt Oswald Bieber, Bildhauer Joseph Wackerle). Die Achse weist südlich zum Mittelbau des Münchner Justizpalastes und führt nördlich zum im 3. Reich errichteten Oberfinanzpräsidium. Dieser Finanzverwaltung kam eine Schlüsselfunktion zu bei der Enteignung jüdischer Vermögen und der Vernichtung jüdischer Existenz.

 

Nachkriegszeit: Der Schutzverband Bildender Künstler

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs war das „kleine Ausstellungsgebäude“ als dachlose Ruine Treffpunkt des sogenannten „Schwarzmarktes“. Auf Initiative von Hannes König, Kunstmaler und Gründer des unabhängigen Schutzverbandes Bildender Künstler (SBK), machten sich seit 1948 Künstlerinnen und Künstler in Selbsthilfe daran, den ehemaligen „Ausstellungstempel“ der Nazi-Zeit in einen Ausstellungsraum für die Münchner Künstlerschaft zu verwandeln. Das Ziel war es an die große moderne Tradition des Glaspalastes anzuschließen. Zur Finanzierung veranstaltete Hannes König Kunstlotterien und Spendensammlungen. Im Gegenzug – quasi als Honorar und als Dank für den Wiederaufbau – erhielt der Schutzverband einen Pachtvertrag zur alleinigen Nutzung des Gebäudes, der bis heute Bestand hat. Der SBK war bereits 1946, ein Jahr nach der Befreiung der Stadt durch die amerikanischen Streitkräfte, in München entstanden, damals als Teil der „Gewerkschaft der geistig und kulturell Schaffenden“. Sie gehörte dem Bayrischen Gewerkschaftsbund an. Mit der Gründung des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) wurde der SBK Mitglied der bundesweiten Gewerkschaft Kunst. Später arbeitete der SBK engagiert am Künstlersozialversicherungsgesetz mit. Heute ist die nun als VBK (Vereinigung bildender Künstlerinnen und Künstler) firmierende Vereinigung Teil der Fachgruppe Bildende Kunst in der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di im DGB.

 

Die Bundesrepublik: Künstlergruppe Pavillon

Nachkriegszeit: Der Schutzverband Bildender Künstler
Am 9. September 1950 konnte der aus den Ruinen neu gestaltete lichte Ausstellungsbau eröffnet werden. Ein Jahr später, die Diskussion um die Gründung der Bundeswehr zeichnete sich bereits ab, zeigte der Kunstpavillon eine große Antikriegsausstellung. Die „zweite Ausstellung Künstlergruppe Pavillon“ konnte unter anderem Otto Dix und Otto Pankok gewinnen.
In den 1950er Jahren – zu einer Zeit, als Faschingsumzüge in München noch fester Programmpunkt der närrischen Jahreszeit waren – verwandelten sich Gebäude und Vorplatz des Kunstpavillons in Werkstätten, in den denen die weithin berühmten satirischen Wagen entstanden. Eine notwendige zusätzliche Einnahmequelle für den Kunstpavillon wie für die mit den Arbeiten beauftragten Künstlerinnen und Künstler.
Anfang der 1960er Jahre widmete sich der Gründungsvorsitzende Hannes König intensiv der Einrichtung des Valentin-Karlstadt-Musäums (im Isartor). So war die erste Ausstellung der Gruppe SPUR 1960/61 für längere Zeit eines der letzten Ereignisse von überregionaler Bedeutung im Kunstpavillon. Fast alle Mitglieder der Gruppe SPUR hatten sich an der Münchner Akademie kennen gelernt und bildeten die deutsche Sektion der Situationistischen Internationale (bis zu ihrem Ausschluss 1962).

Im wiedervereinigten Deutschland: Von der Nabelschau zur Öffnung

In den späten 1980er Jahren definierte ein verjüngter Vorstand um den Vorsitzenden Konrad Hetz, Maler und Grafiker, die Bestimmung des Kunstpavillon neu: weniger Ausstellungen, an denen nur Mitglieder teilnehmen durften, mehr Raum für auswärtige und ausländische Künstlerinnen und Künstler. Ein Beispiel für diesen Aufbruch ist die Themenausstellung von 1993 „Wehret den Anfängen“, die den 60. Jahrestag der „Machtergreifung“ des Nationalsozialismus zusammen mit der „Fremdenfeindlichkeit“ im wiedervereinigten Deutschland reflektierte.
Zur Jahrtausendwende formulierten die Künstlerinnen und Künstler, die nun den Trägerverein Kunstpavillon e.V. bildeten: „Wir wollen einen Kontrapunkt zum etablierten Kunstbetrieb setzen und mit interdisziplinärer Arbeit Antworten auf aktuelle gesellschaftliche Fragestellungen suchen“.

 

21. Jahrhundert: artist-run space

Der Kunstpavillon versteht sich im 21. Jahrhundert als gemeinnütziger artist-run space, der solidarischen Formen künstlerischer Zusammenarbeit besonders verpflichtet ist.
Seit der Renovierung 2015 verfügt er über eine Ausstellungsfläche von rund 150 qm. Sie werden für etwa zehn ehrenamtlich organisierte Ausstellungen im Jahr sowie für weitere öffentliche Veranstaltungen wie Performances, Konzerte und Podiumsdiskussionen genutzt. Auf Anfrage steht der Kunstpavillon Künstlerinnen und Künstlern auch als temporäres Atelier oder experimentelle Werkstatt kurzfristig zur Verfügung.
Eine Sommerausstellung ist explizit Kunstkollektiven, kollaborativen Arbeitsweisen oder kooperativen Prozessen in der bildenden Kunst (Collaborative Works / pratiques complicitaires) gewidmet. Die Herbstausstellung dient der vertieften Diskussion eines herausragenden künstlerischen Werkes. Die Ausstellung eröffnet vor dem Münchner Galerien-Wochenende, der Open Art, Mitte September und schließt erst nach der Langen Nacht der Museen Ende Oktober. Weitere Ausstellungen, vor allem im Frühjahr, fördern Akademieklassen, junge Künstlerinnen und Künstler oder dienen der – meist kontroversen – Auseinandersetzung mit neuartigen Entwicklungen der zeitgenössischen Kunst und ihrer Arbeitsansätze.
Jeweils im August zeigt der Kunstpavillon ausgewählte Arbeiten der Gewinnerinnen und Gewinner des „Seerosenpreises“. Die Auszeichnung wurde 1962 auf Initiative des damaligen Oberbürgermeisters Hans-Jochen Vogel und des Malers Hermann Geiseler von der Landeshauptstadt München gestiftet. Der Preis wird jährlich von einer Jury aus Mitgliedern Münchner Künstlergruppen an Künstlerinnen und Künstler vergeben, die bereits langjährig tätig sind und ihren Lebens- und Schaffensmittelpunkt in München haben. Die Verleihung erfolgt im Kunstpavillon durch die Landeshauptstadt München (siehe auch Seerosenkreis).[[http://www.seerosenkreis.de/]]
Vor Weihnachten beherbergt der Kunstpavillon die traditionelle Jahresausstellung der Mitglieder der Vereinigung Bildender Künstlerinnen und Künstler Fachgruppe Bildende Kunst in der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di (VBK) [[http://www.vbk-oberbayern.net/]]. Jedes Jahr unterstützt der Kunstpavillon zwei weitere Ausstellungen der VBK, eine Themenausstellung und eine Ausstellung zur Förderung des beruflichen Nachwuchses.

 

Kunstpavillon: Ein Raum der Kunst

Was den Kunstpavillon von den Kunsthallen und Galerien unterscheidet ist nicht nur seine Vielfalt und seine wechselvolle Geschichte. Er wird von Künstlerinnen und Künstlern verantwortlich geleitet und ehrenamtlich organisiert. Das heißt auch, dass im Kunstpavillon ästhetische Debatten in ihren gesellschaftlichen Schattierungen, und mögliche Entwicklungen bildender Kunst sehr früh sichtbar werden können; also bevor die Kunsttheorie sie zu fassen weiß oder Kuratorinnen und Kunsthändler sie fokussieren und vermitteln können. Ein Beispiel dafür wären Begriffe aus den frühen Publikationen des Kunstpavillons: „Prozesse aufzeigen“ oder „Produzenten-Pavillon“ und „Forum Pavillon“ oder auch: „zeitkritische Auseinandersetzung“ und „Kunst auf andere Art vermitteln“. Ideen, die selbstverständlich ganz ihrer Zeit verpflichtet sind, jedoch war der Kunstpavillon Pionier solcher Konzepte und Formate, bevor sie sich später, zum Teil bis heute, als Standard etablierten, der gar nicht mehr auffällt. In dieser Logik erfinden die Künstlerinnen und Künstler ihren Kunstpavillon im Alten Botanischen Garten am Stachus jeweils erneut. Ein Raum der Kunst, gerne auch ihres Konsums wie ihrer Kritik, und immer mit dem nachhaltigen Anspruch: Die Linie der Kultur weiter zeichnen. Ungewohnt. Frei.